Bewohner: Mehr als gewöhnliche Nachbarn


AM HOF Köniz existiert kein Gruppenzwang. Gelegenheiten, aufeinander zuzugehen, ergeben sich jedoch leichter und öfters als in gewöhnlichen Mietshäusern. Inzwischen wurden sogar freundschaftliche Bande geknüpft.


Ein bisschen verrechnet hat sich Trudy Weber schon. Als sie in ihre 1-Zimmer-Wohnung AM HOF Köniz zog, verschenkte sie vorab viele Sachen, darunter auch Geschirr. Sie dachte, Besuch bekomme sie ohnehin kaum mehr. Doch es kam anders. Munter berichtet die 72-Jährige, inzwischen bewirte sie «so viele Gäste wie nie zuvor». Trudy Weber, die früher im Verkauf und im Büro gearbeitet hat, gehört heute nämlich zu den Kochfrauen. So nennen sich die fünf AM-HOF-Bewohnerinnen, die sich alle zwei Wochen zum Mittagessen treffen.

Abwechslungsweise bereitet eine von ihnen ein Menu zu und bittet die anderen zu sich an den Tisch. Sass man anfänglich etwa anderthalb Stunden beisammen, dauern die vergnüglichen Runden bei Speise und Trank jetzt bisweilen doppelt so lang. «Manchmal muss die jeweilige Gastgeberin richtig zum Aufbruch blasen», verrät Trudy Weber. «Sie fragt dann etwa, ob nicht vielleicht eine von uns noch die Wäsche zu machen habe.»


Offen aufeinander zugehen
Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, wie ihr verschmitztes Lächeln verrät. Denn AM HOF Köniz sind die meisten Bewohnerinnen und Bewohner pensioniert und schätzen es, dass sie im Alltag nicht immer nur ausschliesslich auf sich allein oder auf den Partner gestellt sind, sondern sich mit anderen austauschen oder etwas gemeinsam unternehmen können

Dass das Konzept der Hausgemeinschaft dies auf ungezwungene Art begünstigt, war mit ausschlaggebend für ihren Entscheid, den Lebensmittelpunkt hierher zu verlegen. Man geht denn auch offener aufeinander zu als es Nachbarn in einem herkömmlichen Mehrfamilienhaus in der Regel tun. Da und dort werden sogar freundschaftliche Bande geknüpft.

Zwischen René Schneider (77) und Walter Raaflaub (76) funkte es bereits am ersten Tag. Auf dem Laubengang vor ihren Wohnungen im dritten Stock, die sie mit ihren Ehefrauen bezogen, kamen der ehemalige Sigrist und der ehemalige Betriebsmechaniker ins Gespräch. Sie fanden schnell heraus, dass sie beide aus der Region Köniz-Liebefeld stammen, in kleineren Blöcken gewohnt und Kinder haben, welche nicht gleich um die Ecke ansässig sind.

Doch nicht nur wegen dieser Gemeinsamkeiten fanden die zwei Männer einen Draht zueinander. Sie ergänzen sich auch in ihrer Verschiedenheit gut. Der fein und besonnen wirkende René Schneider mag, «dass Walä nie um einen Spruch verlegen ist, sein Lachen so ansteckend und er ein begnadeter Reiseorganisator ist.» Walter Raaflaub, der Bodenständige, bezeichnet René Schneider wiederum als guten Kumpel, mit dem man herumblödeln und fast jederzeit mit einem Bierchen anstossen kann. «Zudem hat er auf meine Sprüche schlagfertige Antworten parat und lässt sich spontan für einen Tagesauflug an den Bodensee, auf die Riederalp oder den Titlis begeistern.»

Ausflug mit Aussicht:
Raaflaubs (links) und Schneiders auf dem Titlis.

Verena Schneider (80) und Marianne Raaflaub (78), die sich ebenfalls gerne mögen, sind bei solchen Unternehmungen selbstverständlich mit von der Partie und jeweils gespannt, was für Pläne ihre Gatten geschmiedet haben. «Die beiden sind immer für eine Überraschung gut», sagt Marianne Raaflaub und erzählt von der Fahrt auf die Engstligenalp in der vierplätzigen Nostalgiegondel, in der sogar ein Aperitif bereitstand.

Mag sein, Schneiders und Raaflaubs wären sich auch in einem gewöhnlichen Mietshaus menschlich näher gekommen. «AM HOF Köniz sind die Hemmschwellen jedoch kleiner und die Atmosphäre trotz der Grösse der Liegenschaften wärmer», sagt Verena Schneider. Ausserdem fände man aufgrund der Altersstruktur eher Gleichgesinnte. «In unserm früheren Domizil gab es dagegen in den letzten Jahren niemanden mehr, mit dem wir so uns richtig vertraut gefühlt hätten. Obwohl wir nur sechs Parteien waren.»

Sogar ziemlich anonym ging es in dem Block von Heidi Schudel (65) zu und her. «Ausser mit der Hauswartin und den Leuten direkt nebenan hatte ich mit niemandem richtig Kontakt», sagt die ehemalige Radiologiefachfrau. Die anderen Mieter kannte sie nur vom Grüssen – darunter auch Erika Rufener (64), die vor ihrer Frühpensionierung 2007 im Personalwesen tätig gewesen ist und drei Stockwerke über Heidi Schudel wohnte. Heute sitzen die beiden nicht nur erneut unter dem gleichen Dach, sondern mitunter auch in der gleichen Stube.

An diesem Tag ist es die Stube von Erika Rufener. Sie ist an der Reihe, für das leibliche Wohl der Kochfrauen zu sorgen, zu denen sie und Heidi Schudel ebenfalls gehören. «Unser Mittagstisch ist für mich immer ein Festessen», sagt sie, «egal ob ich eingeladen bin oder selber am Herd stehe.» Die Tafel ist entsprechend gedeckt: Weisses Porzellan auf grünem Tuch, bordeaux-farbige Servietten, auch Weingläser fehlen nicht.

Geselligkeit am Thunersee:
Die Kochfrauen geniessen einen gemeinsamen Sommertag.

Kurz vor halb eins trudeln die Geladenen ein und nehmen bereits angeregt plaudernd ihren Platz ein. Weshalb nur vier Stühle bereit stehen, erklärt die verwitwete Trudy Kasteler, mit 80 die älteste im Bunde und noch immer sehr vital – bis vor vier Jahren hat sie im Sanitärgeschäft ihres Sohnes die Buchhaltung geführt. «Margrit Michel ist in den Ferien», sagt sie und fügt liebevoll scherzend an: «Sie macht sich fit, damit sie dann wieder so richtig gut für uns in den Töpfen rühren kann.»

Die Heilpädagogin Margrit Michel (66) hat die Gruppe initiiert. «Es wäre auch ein Mittagstisch in grösserem Kreis denkbar», so Heidi Schudel. «Doch zu fünft ist es halt viel persönlicher.» Trotz der Altersunterschiede finden sich genügend interessante Gesprächsthemen, man ist auch schon mehrfach gemeinsam an den Thunersee gereist – zum Bräteln, Baden und Bootfahren. «Dass wir gut zusammen können», möchte Trudy Kasteler aber festhalten, «heisst nicht, dass wir uns abgrenzen.» Sie mache zum Beispiel auch gerne Ausflüge mit einer Mitbewohnerin, die nicht bei den Kochfrauen sei.

Spontaner Grillschmaus:
Tischrunde auf dem Gartenplatz.

Überhaupt: Den Bewohnern AM HOF Köniz bieten sich die verschiedensten Gelegenheiten, sich zu treffen und auszutauschen – und dabei werden die Grüppchen jeweils neu gemischt: etwa an den Leseabenden in der Lounge, bei der Hausgymnastik, wenn Walter Raaflaub im Garten den Grill anwirft und nicht zuletzt an der Rezeption. Sie wird von einem Team aus der Hausgemeinschaft betreut und etablierte sich als Ort, an dem sich immer wieder spontan ein paar Männer und Frauen zu einem Kaffeeschwatz zusammengesellen.
Oft ist René Schneider mit dabei. «Wenn er am Morgen die Post holt, bleibt er manchmal eine geschlagene Stunde unten hängen», erzählt seine Frau lachend. Noch länger dauerts freilich, wenn er Walter Raaflaub besucht. «Walä ist hier für mich halt wirklich der Nächste – wir sind ja auch nur wenige Männer im Haus», so René Schneider. «Aber wir kleben nicht nur zusammen, auch nicht zu viert.» Dies weder bei internen Veranstaltungen noch im Alltag. Man habe hier Augen und Ohren für alle, erkundige sich gegenseitig, wie es so gehe – und wenn jemand einmal Unterstützung brauche, kümmere man sich etwas mehr um die betreffende Person. «Diese menschliche Anteilnahme» macht für René Schneider das Leben AM HOF Köniz denn auch besonders «lebenswert.»

Ganz ähnlich tönt es am Mittagstisch, an dem man nach Drachenhörnli, Kalbsplätzli an feiner Sauce sowie Salat nun bei Apfelcreme, Güetzi und Kaffee angelangt ist. Für Heidi Schudel, die Geschwister, aber keine eigenen Familie hat, sind «die Kochfrauen wohl kein Familienersatz, aber eine feste Grösse in meinem Leben.» Und Trudy Weber findet es «schön, dass wir inzwischen ganz selbstverständlich alle 14 Tage gemeinsam essen und man nie eine von uns extra darum bitten muss, doch auch wieder einmal zu kommen.» Eingebürgert hat sich auch, dass jede einfach kocht, was sie kann und wozu sie Lust hat – was die Geschmäcker gar nicht trifft, weiss man ja inzwischen. Dass die Gastgeberein nichts verrechne, ist ebenfalls klar – mal wird etwas luxuriöser, mal etwas einfacher gekocht, am Ende gleicht sich das wieder aus.

«Hauptsache, es schmeckt», bringt es Trudy Kasteler auf den Punkt – und unversehens beginnt eine angeregte Diskussion über die Kochzeit von Kutteln, Moules-Vergiftungen und Pastinaken-Suppe. Bis Heidi Schudel plötzlich auf die Uhr schaut. «Oh, ich glaube, ich muss jetzt dann waschen gehen», sagt sie und alles lacht.



Text: Jolanda Lucchini / 2013

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