Porträt: Ein idealer Ort für Gemeinsamkeit


Die Genossenschaft AM HOF Köniz bietet Menschen in der zweiten Lebenshälfte altersgerechte Wohnungen in zwei modernen, zentral gelegenen Liegenschaften sowie Hilfe zur Selbsthilfe. Beides soll ihnen ermöglichen, im Alter möglichst lange selbstständig zu bleiben – innerhalb ihren vier eigenen Wände und gleichzeitig aufgehoben in einer lockeren Gemeinschaft.



von Jolanda Lucchini / 2011

Als sich Anfang 2010 die Abbruchbagger am alten Migros-Laden im Zentrum der Berner Vorortsgemeinde Köniz zu schaffen machten, öffnete sich nach und nach von der Landorfstrasse her ein Sichtloch in Richtung des nur gerade 200 Meter entfernt und leicht erhöht auf einem Hügel thronenden Schlosses. Passanten konnten dieses nun von hier aus von seiner attraktivsten Seite betrachten. Doch das dauerte nicht lange, inzwischen ist die Baulücke wieder zu.

Zwei moderne Liegenschaften stehen jetzt dort. Ein leicht geknickter Langbau und ein wie ein i-Tüpfchen dazu gehörender Punktbau. Deren Bewohnerinnen und Bewohner – sie sind ab Oktober 2011 in die Häuser eingezogen – können dem Ausblick auf das historische und ehemals als Domizil den Bernischen Vögte dienende Baudenkmal nun jeden Tag geniessen.

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AM HOF Köniz nennt sich denn auch sinnigerweise die Trägerschaft, die hinter der Siedlung steht. So nobel das klingt, mit Adel oder Zweiklassengesellschaft hat sie nichts am Hut. Im Gegenteil, sie wurde als Genossenschaft gegründet und wird einem zeitgemässen Bedürfnis gerecht: Die Lebenserwartung wird immer höher, AM HOF Köniz bietet deshalb Wohnraum, der es ermöglicht, im Alter möglichst lange selbständig und ohne zu vereinsamen in den vier eigenen Wänden zu bleiben.

49 Mieteinheiten, 1 bis 3 Zimmer gross und mit weitgehend offenen Grundrissen, zudem alle mit Balkonen und bis in die Duschen schwellenlos, sind in den drei respektive vier Obergeschossen der beiden Minergie-Bauten untergebracht. Die Wohnungen wirken hell und freundlich, da sie ausnahmslos von zwei Seiten mit Tageslicht bedient werden – im Punktbau dank ihrer Lage übers Eck, im Langbau dank ihrer Erschliessung durch lange Laubengänge, die ermöglichen, dass jede Einheit die ganze Breite des Baukörpers einnimmt und somit gegen Südost und Nordwest Fenster hat.

Gemeinschaftsräume gibt es AM HOF Köniz selbstverständlich auch. Sie werden von allen mit einem in der Miete inbegriffenen Anteil finanziell mitgetragen. Die Gartenanlage steht auch allen zur Verfügung. Ebenso ein Gästezimmer, in dem gegen eine Gebühr auf Besuch weilende Angehörige und Freunde untergebracht werden können. Auf Wunsch wird ausserdem in Zusammenarbeit mit der Betreiberin örtlicher Alters- und Pflegeheime ein Mittagstisch sowie Mahlzeiten- und Reinigungsdienste organisiert.

Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe, die im Erdgeschoss eingemietet sind, helfen ihrerseits mit, Leben in die kleine Siedlung zu bringen. Bereits eingezogen sind ein Optiker- und ein Beautygeschäft, eine Filiale des Fair-Trade-Ladens Claro, ein Kiosk-Shop und die SPITEX RegionKöniz. Durch sie erhöht sich die Gewährleistung zusätzlich, dass die Mieter hier bis ins hohe Alter in ihrem Zuhause bleiben können.

Die zentrale Lage der Liegenschaften stellt einen weiteren altersgerechten Faktor dar. Gleich vor dem Haupteingang des Langbaus befindet sich eine Haltestelle des Busses, der in die Stadt Bern fährt. Zu Fuss genügen ein paar Schritte um die Ecke, und schon ist man auf dem Bläuackerplatz, der 2005 neu gestalteten Dorfmitte von Köniz mit besten Einkaufsmöglichkeiten. Supermärkte, kleinere Geschäfte, Apotheke und Drogerie, Banken, Café und Restaurants, das Gemeindehaus – alles ist vorhanden.

Der Könizer S-Bahnhof der Linie Bern-Schwarzenburg ist vom Dorfplatz aus wiederum nur ein Katzensprung entfernt. Dass die Geleise des Lokalzugs direkt am Grundstück der Genossenschaft AM HOF entlang führen und nebst dem Bus auch Autos auf der Strasse verkehren, zeitigt natürlich auch eine entsprechende Geräuschkulisse. Doch sie war für die Bewohnerinnen und Bewohner kein Hinderungsgrund, hierher zu ziehen.
Rasch und unkompliziert die täglichen Erledigungen machen und mobil bleiben zu können, das ist ihnen wie vielen anderen älteren Menschen weitaus wichtiger, als irgendwo im Grünen zu sitzen, wo nur die Vögel zu hören sind, man dafür kaum wegkommt und um einen herum kaum etwas läuft.

Seine Bestimmung erfüllt AM HOF Köniz freilich nicht allein durch die Architektur und den Standort. Es ist nicht zuletzt das inhaltliche Konzept, das hier dem Wohnen im Alter besondere Qualität verleiht – und im Wesentlichen dazu beitrug, dass das Projekt 2006 im von Köniz ausgeschriebenen Investoren- und Projektwettbewerb für das gemeindeeigene Areal «Alte Migros Köniz» oben ausschwang (> siehe Interview Entstehungsgeschichte).

«Eine lockere Hausgemeinschaft» schwebt Simone Gatti, Gerontologin und Präsidentin der Genossenschaft AM HOF Köniz vor. Das bedeutet: Die Mieterinnen und Mieter, die mit einem Darlehen als Genossenschafter beteiligt sind, bleiben hinter ihrer Wohnungstür selbstbestimmt. Dafür sollen sie sich aber bis zu einem gewissen Grad für das Zusammenleben engagieren.

Zwei bis vier Stunden pro Woche sind als grober Rahmen vorgegeben, in welchen je nach Möglichkeit und Präferenz der Allgemeinheit nützende Dienstleistungen erbracht oder soziale Aufgaben übernommen werden können. Das geht von kleinen Reparaturen und Gartenarbeit über das Management des Gästezimmers, der Gemeinschaftsräume mit Küche und des Concierge-Dienstes bis zur Organisation von Veranstaltungen. Kleinere persönliche Hilfeleistungen gehören ebenfalls dazu.

Dem Entwicklungsprozess der Gemeinschaft muss natürlich genug Zeit eingeräumt werden, gleich auf Anhieb funktioniert das alles nicht. Die Frauen und Männer, teils Ehepaare, mehrheitlich Alleinstehende, sind mit der Philosophie ihres künftigen Heims zwar vertraut und bereit, sich darauf einzulassen. Sie bewegen sich indes altersmässig im Spektrum von 60 und noch berufstätig bis 86, stammen aus verschiedensten Welten und wurden durch das Leben unterschiedlich geprägt. Da muss sich das Zusammengehen langsam konstituieren.

Der Genossenschaftsvorstand leistet dabei Unterstützung– oder «Hilfe zur Selbsthilfe», wie es Simone Gatti nennt. Als wichtigstes Instrument dienen die regelmässigen Hausgemeinschaftssitzungen, an welchen Bedürfnisse und Ideen formuliert, Lösungsvorschläge entwickelt, Arbeitsgruppen gebildet und Aufgaben verteilt werden.

Eine besondere Zusammenarbeit, die AM HOF Köniz ebenfalls ausgelotet wird, ist jene mit der SPITEX RegionKöniz. Die Bewohner können nicht nur nach Bedarf deren Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sie teilen sich mit der Institution auch Räumlichkeiten im Erdgeschoss.

Davon profitieren alle: Die Spitex, die auf ihrer Mietfläche etwas zu wenig Platz hatte, darf den Empfang, die Café-Lounge und Küche mitbenützen – Bereiche, die ursprünglich nur für die Bewohner gedacht waren. Letzteren kommt im Gegenzug zu Gute, dass die Spitex die Raumreinigung übernimmt und der 100-Quadratmeter-Kursraum beiden Organisationen zur Verfügung steht – für Sitzungen, Jassturniere und andere gemeinsame Freizeitanlässe.

Synergien nutzen, wird das genannt. Vor allem jedoch wird auf diese Weise ein Begegnungsort geschaffen, an dem sich die Bewohner nicht nur untereinander treffen, sondern auch mit den Mitarbeitenden der Spitex vertraut machen können und mitunter sogar mit externen Menschen ein Austausch stattfindet. Denn zwar weilt man hier AM HOF, es werden aber keine Barrieren auf-, sondern höchstens Schwellenängste abgebaut.



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