Fazit Präsidentin


Zwei Jahre Am Hof Köniz – Simone Gatti, Präsidentin des Vorstandes, zieht ein Fazit.



Simone Gatti, es war Bedingung der Gemeinde, dass im zentral gelegenen AM HOF Köniz neben den Wohnungen auch Gewerbeflächen zur Verfügung gestellt werden.

Ja, das war immer klar und an diesem Standort absolut richtig und nötig. Nur das Ausmass hat sich vergrössert.

Sie hatten Bedenken, dass es schwierig werden könnte, so viel Gewerbefläche zu vermieten. Erwies sich diese Befürchtung als berechtigt?

Bezüglich des Punktbaus schon. Eine letzte Fläche ist dort nach wie vor nicht vermietet. Dabei hat die Investorin, die Gebäudeversicherung Bern, und ich gerade für diesen Bau die besten Vermietchancen gesehen, da er dem Bahnhof zugewandt und deshalb besonders zentral gelegen ist. Aber bei Projektbeginn 2006 konnte niemand die Banken- und Eurokrise und die Zinsentwicklung vorhersehen. Nun ist uns die Gebäudeversicherung Bern entgegengekommen und hat die Gewerbeflächen tiefer bewertet, was die Vermietung hoffentlich erleichtern wird.

Zudem haben wir neue Vermiet-Aktivitäten gestartet. Auch aussergewöhnliche wie die von unserem Verwaltungs- und Vorstandsmitglied Anna Thüler initiierte Ausstellung im noch leerstehenden Gewerberaum. Gezeigt wurden Bilder des bekannten Cartoonisten Ted Scapa und von vier talentierten Hobbykünstlern aus unserem Haus. Scapa war an der Vernissage persönlich dabei und erwies sich als wahrer Publikumsmagnet.

Wie sieht es mit den Gewerbeflächen im Langbau aus? Sind die Mieter zufrieden?
Ihr Feedback betreffend des Geschäftsgangs ist positiv, das freut mich. Einzig der Kiosk will nicht richtig in Schwung kommen. Wir haben dem Mieter bereits mehrfach unsere Hilfe angeboten und tun dies nach wie vor, damit sich diese Situation verbessert.

Werden die Geschäfte auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern frequentiert?
Das ist ihr individueller Entscheid. Da die Supermärkte der grossen Detaillisten nur einen Katzensprung entfernt sind, wird wohl auch dort eingekauft, solange die Bewohner noch mobil sind. Ich kenne jedoch mehrere Bewohner, die gelegentlich den Claro-Laden und Optiker Rolli berücksichtigen – beides Geschäfte die bereits in Köniz angesiedelt waren und AM HOF Köniz nun einen besseren, zentraleren Standort haben. Ebenso nutzen Bewohner ab und an das Angebot des Kiosks oder lassen sich beim Coiffeur im Hause die Haare schneiden.

Gibt es AM HOF Köniz auch Geschäfte, welche eine ältere Kundschaft nicht unbedingt ansprechen?
Nein. Denn auch das neu lancierte Damenmodegeschäft Colora ist sehr gut angenommen. Es ist Ende August 2013 eingezogen, wird von jungen Leuten geführt und ist sehr schick – deshalb zieht es einerseits viele jüngere Frauen aus Köniz und der Umgebung an. Damit aber auch unsere Bewohnerinnen vom ersten Tag an zu den Kundinnen gehörten, hat Anna Thüler den Türöffner gespielt und noch vor der Ladeneröffnung an einer Haussitzung dem Colora-Team die Gelegenheit geboten, seine Mode zu präsentieren. Für die Eröffnungsshow wurden dann mehrere Bewohnerinnen aus dem Haus als Models angeworben, sie haben in den Kleidern eine sehr gute Figur gemacht.

Wenn Sie Bilanz ziehen: Wer profitiert am meisten vom Mix Wohnen und Gewerbe?
Es ist ein Geben und Nehmen: Durch das Verbleiben der Geschäfte erhöht sich die Gewährleistung, dass die Bewohner hier bis ins hohe Alter in ihrem Zuhause bleiben können. Den Ladenbetreibern bringt der Einkauf durch unsere Bewohner mehr Umsatz. Die Geschäfte ihrerseits bringen wieder mehr Leben in unsere kleine Siedlung.

Ihnen schwebte vor, dass sich AM HOF Köniz eine lockere Hausgemeinschaft entwickeln sollte. Hat sich das erfüllt?
Ich wünschte mir, dass die Bewohner aufeinander zugehen und sich für Gemeinsames begeistern lassen würden. Und diese Erwartung wurde sogar übertroffen. Zu Beispiel duzen sich heute alle Bewohnerinnen und Bewohner. Das ist für diese Generation nicht selbstverständlich und ist Ausdruck von sich wohl und zuhause fühlen.

Wie weit reicht die Selbstbestimmtheit der Hausgemeinschaft?
Die Bewohner wohnen selbstbestimmt. In Haussitzungen diskutieren wir Vorschläge, die auf offene Ohren stossen oder abgelehnt werden. Wir hatten zum Beispiel die Idee, draussen im frei zugänglichen Garten Fitness-Geräte aufzustellen und so eine mögliche Begegnungszone für Jung und Alt, Haus- und Gemeindebewohner zu schaffen. Die Hausgemeinschaft wollte dies jedoch nicht. Sie befürchteten, die geplante Zone würde zu öffentlich. Dass wir diesen Entscheid akzeptierten, ist selbstverständlich.

Innerhalb der Siedlung sollten sich die Bewohner aber bis zu einem gewissen Grad für das Zusammenleben engagieren?

Ja, und das tun sie auch. Nur als Beispiel: Als eine Frau aus der Arbeitsgruppe «Französisch-Deutsch-Konversation» sehr krank wurde, haben die anderen sie im Spital besucht und dann auch Abschied von ihr genommen. Das war sehr eindrücklich und anrührend.

Die Zusammensetzung der Hauskommission hat sich bereits verändert. Warum?

Die Hauskommission hat sich auf unsere Anregung hin konstitutiert. Dazu beigetragen hat eine Gruppe der Bewohnenden. Sie haben einen Reglementsentwurf auf unsere Siedlung angepasst und mit den Nachbarn diskutiert. Daneben haben sich Arbeitsgruppen – zum Beispiel für Garten, Rezeption oder Bibliothek – gefunden. In diesen engagierten sich weitere Bewohner. Im Laufe des ersten Jahres haben wir realisiert, dass sich diese Konstellation nicht bewährt, vor allem vom Informationsfluss her nicht. Zur Entwicklung der passenden Hauskommissions-Strukturen haben wir im Herbst 2012 die Siedlungskommission des «Breitiparks» in Bassersdorf besucht. Der «Breitipark» ist eine Genossenschaftssiedlung für Singles und Paare in der 2. Lebenshälfte. Wir wollten sehen, wie sie es angehen. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden anschliessend von unserer Hauskommission auf die Bedürfnisse der Siedlung AM HOF Köniz adaptiert.

Was hat sich geändert?

Heute sitzen in der Hauskommission nur Vertreter aus den Arbeitsgruppen, so wurde der interne Infoaustausch einfacher. Aber auch die neue Zusammensetzung darf und soll sich wieder ändern, ganz nach dem Bedürfnis in der Siedlung. Ziel ist es ja weiterhin, dass Veränderungen willkommen bleiben und der Nachbarschaftsbetrieb so unabhängig wie möglich von der Verwaltung läuft. Wir haben die letzten zwei Jahre Hilfe zu Selbsthilfe geleistet, jetzt funktioniert die Hausgemeinschaft weitgehend allein.

Eine Zielsetzung für AM HOF Köniz war die Realisierung einer «gelebten Wohnkultur» im Erdgeschoss. Wie sieht diese heute aus?
Etwas anders als erwartet. Eine kleine Kochfrauenrunde und Bewohner laden sich regelmässig gegenseitig zum Essen ein. Doch eine grosse regelmässige Tischrunde für alle Bewohner im ebenerdigen Aufenthaltsraum mit angeschlossener Küche hat sich bis jetzt nicht ergeben. Dafür lassen sich die Bewohner aber inzwischen regelmässig beim Mittagstisch im Restaurant des Altersheims Lilienweg in Köniz verwöhnen.

Weshalb findet der Mittagstisch nicht im eigenen Haus statt?

Weil die Bewohner Küche und Aufenthaltsraum mit der Spitex teilen. Das war für beide Seiten ein Lernprozess. Es liegt derzeit noch an den Bewohnern, den Raum auch zu beanspruchen. Sie brauchen mehr Zeit, ihn zu erobern und zu bespielen, das habe ich unterschätzt.

Welche Lernerkenntnisse ziehen Sie daraus für neues Projekt?
Wenn immer möglich sollte den Bewohnern ein eigener Gemeinschaftsbereich zur Verfügung stehen.

Würden Sie zugunsten eines eigenen Raums für die Bewohner heute AM HOF Köniz gerne auf die Spitex Köniz als Mieterin verzichten?
Nein, nie, sie ist die absolut richtige Ankermieterin. Wir sind nicht nur froh, sie im Hause zu haben, sondern stolz. Sie gilt über die Kantonsgrenzen hinaus als sehr innovativ und macht als eine der wenigen bei dem nationalen Projekt «Pflegende Angehörige» mit, welches es ermöglicht, dass auch betreuende Angehörige – mit entsprechender Schulung – für ihr Engagement entschädigt werden können.

Weshalb ist die Spitex für den Standort AM HOF Köniz wichtig?

Es geht um einen langfristigen Nutzen für unsere Bewohner. Sie begegnen den Spitex-Mitarbeitenden fast täglich im Erdgeschoss, sehen sie lachend beim Essen in der Küche oder versunken während der Mittagspause ein Buch lesen. Mit der Zeit werden sie ihnen vertraut. Und ich bin überzeugt, dass man bei vertrauten Personen auch eher früh genug Hilfe holt als bei anonymen Fachkräften.

Und wie geht es mit AM HOF Köniz weiter?

Die Pionierphase ist nun vorbei. Jetzt werden die Strukturen und Abläufe verfeinert – und für mich geht es ans Ausfädeln. Ich kann nicht ewig hier Präsidentin bleiben, dafür bin ich als Zürcherin auch geografisch zu weit weg. Beruhigend ist, dass Anna Thüler bereits die meisten Aufgaben kompetent übernommen hat. Zum Beispiel die Begleitung und Unterstützung der Bewohner. Sie garantiert damit die Kontinuität. Der Vorstand ist wie erwähnt ebenfalls gut aufgegleist. Und das A-la-carte-Menü punkto Dienstleistungen im Alter ist hier AM HOF Köniz ausgezeichnet. Ich denke, wir konnten hier ein Zukunftsmodell schaffen.



Interview: Jolanda Lucchini / 2014


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