Gesamtrésumé

Es ist noch nicht sehr lange her, da war AM HOF Köniz nichts als eine Baustelle. Heute präsentiert sich diese zentral gelegene Genossenschaftssiedlung für «Wohnen in der zweiten Lebenshälfte» als lebendiger Wohn-, Dienstleistungs- und Gewerbekomplex, in dem es zwischen den verschiedenen Mietern weitaus mehr Verknüpfungspunkte gibt als in vergleichbaren Liegenschaften.


Eine Dia-Show steht an diesem Abend AM HOF Köniz auf dem Programm. Mitbewohner René Schneider (77) wird in Bild und Ton vom hinduistisch geprägten Nepal erzählen, das er mit seiner Frau Verena (80) 1995 bereist hat. Gegen 19.30 Uhr trudelt das Publikum ein, die Stuhlreihen werden in Beschlag genommen, Stimmengewirr und Gelächter erfüllen den Raum, hier hört man ein «Tschou» und dort ein «Sälü zäme», es scheint, als würden sich die Leute schon seit langem kennen. Dabei sind sie erst zweieinhalb Jahre unter einem Dach zuhause und hatten vorher wenig bis nichts miteinander zu tun.

Zweieinhalb Jahre – das ist eine kurze Zeitspanne. Eine sehr kurze sogar, wenn man bedenkt, dass sie im Leben der AM-HOF-Bewohnerinnen und Bewohner nur einen kleinen Bruchteil ausmacht. Umso bemerkenswerter mutet deshalb an, was sich seit dem Bezug der beiden Liegenschaften des genossenschaftlich geführten AM HOF Köniz im Oktober 2011 alles entwickelt hat.


Die Ziele waren hoch gesteckt. Das Konzept sah vor, dass die Mieter der 49 Wohnungen – Paare und Singles – ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen und sich zugleich ein Stück weit in eine Gemeinschaft einbinden lassen, die sie selber mitgestalten. Vier Wochenstunden sollte sich jede und jeder nach Möglichkeit dafür engagieren.

Mit der wichtigen Ankermieterin, der Spitex RegionKöniz, sollte zudem das altersgerechte Angebot der Siedlung erweitert, aber auch Räume geteilt werden. Eine weitere Herausforderung: Die Gemeinde Köniz hatte zur Bedingung gemacht, dass AM HOF aufgrund seiner Zentrumslage nicht nur ein Teil, sondern die ganzen Erdgeschosse von Gewerbebetrieben zu belegen seien. Es galt also, einen guten Geschäftsmix sowie Ladenbetreiber zu finden, die auch an einer gewissen Interaktion mit den Liegenschaftsbewohnern interessiert waren.

Alles in allem sollte der Idee auf dem Papier ein «Leuchtturm mit Vorbildfunktion» entwachsen, wie es Luc Mentha, damaliger Könizer Gemeindepräsident, am Tag der offenen Türe Anfang September 2011 formulierte. Nun hat das Projekt auf seinem Realisierungsweg schon ein wesentliches Stück zurückgelegt und tatsächlich das Potential, weit hinaus in die Landschaft der Altersarbeit zu strahlen. Seine Leuchtkraft kann AM HOF Köniz dabei aus verschiedenen Quellen schöpfen.

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Da wären einmal die Haussitzungen, wo inzwischen lebendig und auch kontrovers diskutiert und mit dem Vorstand Organisatorisches verhandelt wird. Dazu kommen die zahlreichen Arbeitsgruppen, bei welchen mehr als die Hälfte der 60 Bewohner mitmachen: Die einen bestellen die hauseigene Bibliothek und veranstalten Lesungen und Vorträge, wieder andere betreuen den Conciergedienst beim Haupteingang, schauen zum Garten, organisieren Grillabende, Spielrunden, Turnstunden, Kurzwanderungen, einen Mittagstisch im nahegelegenen Altersheim und im Advent einen Höck. Computer-Hilfe wird ebenfalls geleistet. Darüber hinaus sind etliche private Initiativen entstanden, in kleinerer Zusammensetzung unternimmt man zusammen Ausflüge und Wanderungen, bekocht sich gegenseitig und trifft sich zu Canasta oder Jassen.

Natürlich lässt es sich bei so vielen Bewohnern trotz sorgfältiger Mieterauswahl nicht vermeiden, dass sich einige doch lieber heraushalten. «Für mich geht das in Ordnung, diese Mitbewohner sind wohl ganz einfach in ihren vier Wänden zufrieden», sagt Lily Bütikofer (83), neu begeisterte Canasta-Spielerin. Walter Raaflaub (77), der Grillmeister AM HOF, findet es dagegen schade, dass nicht alle mittun. Lachend führt er an: «Sie verpassen halt einfach etwas». Auf der anderen Seite gibt es wiederum Stimmen, die gerne hätten, dass man sich noch mehr einbringen könnte.

Spitex-Team im Garten


Vorzeigen lässt sich auch das Zusammenwirken mit der Spitex. Letztere lud etwa zwei Bewohner an ihr jährliches Pensioniertentreffen ein, damit sie am AM HOF Köniz und seine Vorzüge vorstellen konnten, sie stellt für interne Anlässe auch ihren Projektor zur Verfügung – oder leiht an Bewohner auch mal ein Beistelltisch aus, wenn sie Gäste haben. Im Gegenzug sind die Pflegeprofis jederzeit an den Grillabenden willkommen. «Ich denke jedoch», so Spitex-Leiterin Hanna Schildknecht, «dass die spontanen Kontakte und Gespräche in der Lounge und Küche am stärksten verbindend wirken.»

Dieser natürliche Umgang miteinander hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich bei den Bewohnern die Schwellen für eine allfällige künftige Nutzung des Spitex-Dienstes gesenkt haben. Und dass nach Startschwierigkeiten auch für das Teilen der gemeinsam genutzten Räume – neben der Küche und Lounge auch ein Sitzungszimmer – ein besserer Modus gefunden werden konnte. Wiewohl die Präsidentin des AM-HOF-Vorstandes Simone Gatti anhält, sie würde heute Initianten ähnlicher Projekte empfehlen, für die Bewohner wenn möglich einen eigenen Gemeinschaftsraum zu einzuplanen (s. auch Interview mit Simone Gatti).


Als besonderer Lichtblick darf die Wechselbeziehung mit den Geschäften bezeichnet werden. Zumal die Voraussetzungen schwierig waren. Erstens erwies sich die Vermietung der vielen Quadratmeter Gewerbefläche als anspruchsvoll: Derweil alle Wohnungen vermietet sind, wobei die Nachfrage nach den kleineren das Angebot überstieg, steht im Punktbau ein Teil des Erdgeschosses nach wie vor leer. Zweitens konnte keine Bäckerei als Mieterin gewonnen werden, was einer Wunschvorstellung von Simone Gatti entsprochen hätte. Denn eine Bäckerei deckt täglichen Grundbedarf ab und wäre vermutlich – vielleicht zusätzlich mit Hilfe eines integrierten Cafés – ganz automatisch zu einem Begegnungsort für Bewohner und Externe geworden.

Frisches Brot – aus dem Holzofen und in Bio-Qualität, gibt es nun zumindest jeden Freitag in der Filiale des Fair-Trade-Ladens Claro. Er ist wie Optiker Rolli, das Coiffeurgeschäft Beautybox und ein Kiosk im Langbau eingemietet. Im Herbst 2013 hat zudem die Boutique Colora für Damenmode im Punktbau Räumlichkeiten bezogen. Deren junge Chefin, Christine Vogt, bewies eine geschickte Hand, nach innen und aussen Fäden zu spinnen. Zur Eröffnung organisierte sie eine Openair-Modeschau, unter den Models, die über den roten Teppich liefen, waren auch AM-HOF-Bewohnerinnen. Rolli steuerte Brillen fürs Styling bei, die Beautybox sorgte für Frisuren und Makeup, Claro für Orangensaft und Snacks.

Kein Wunder, werden die Geschäfte auch sonst von etlichen Bewohnern sporadisch oder regelmässig berücksichtigt. Nicht richtig warm wird man einzig mit dem Kiosk, dessen Angebot sich inzwischen mehr Richtung Mini-Bistro und an Externe richtet. Dafür darf Rolli gar jeden sechsten Mieter zu seinen Kunden zählen.

Die Bewohnerin Rörig in der Beautybox


Doch nicht nur weil Klientel aus dem eigenen Haus gewonnen werden konnte, zeigt man sich auf der Seite der Betreiber weitgehend zufrieden bis sehr zufrieden. Fast mehr noch schätzt man das nette Mit- und Nebeneinander. So schauen bei Colora mitunter Frauen aus den Wohnetagen auf einen Kaffeeschwatz vorbei, und Rolli-Mitarbeiterin Anita Scheidegger trifft auf ihrem Arbeitsweg am frühen Morgen fast täglich AM-HOF-Mieter, die im Ortszentrum bereits ihre Einkäufe getätigt haben und wieder Richtung zuhause streben. «Oftmals gehen wir dann das kurze Stück zusammen und plaudern», erzählt sie.

Der grösste Erfolg, der sich AM HOF Köniz allerdings auf die Fahne schreiben kann: Unter den Bewohnern lässt sich eine Identifikation mit dem Konzept ausmachen. «Unsere Wohnform ist die Wohnform der Zukunft», ist zum Beispiel Heidi Schudel (65) vom Frauenmittagstisch überzeugt. «Ich habe mich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und das Projekt AM HOF Köniz bereits zwei Mal interessierten Kreisen vorgestellt.»


von Jolanda Lucchini / 2014


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